Melanie Brosowski Autorin

„Sie werden es nie verstehen“, sagte Gott und schüttelte seinen grauhaarigen Kopf. Dann lehnte er sich in seinem goldenen Thron zurück.
Der Tod grinste und lehnte seine Sense an eine Säule des himmlischen Tempels. „Wie sollten sie auch. Es sind nur Menschen!“
„Sprich nicht so über meine Kinder!“, donnerte Gott wütend, so dass die Sense klirrend zu Boden fiel.

„Bruder“, sagte der Tod und deutete hinab zu dem blauen Planeten. „Es sind auch meine Kinder. Oder hast du das vergessen?“
„Lass uns nicht darüber streiten! Sage mir lieber den Grund, weshalb du meine Ruhe störst!“
„Das solltest du eigentlich wissen. Deine Macht wird von Tag zu Tag schwächer. Die Menschen hören auf an dich zu glauben. Es wird Zeit, Ihnen eine Lektion zu erteilen. Wie wäre es mit einer erneuten Sintflut?“
„Hast du noch nicht genug Seelen in deinem dunklen Reich?“ „Genug? Solange du Leben spendest, werde ich auf der Jagd nach Seelen sein. Wir sind voneinander abhängig. Ich existiere weil du existierst und umgekehrt. Genau das ist es, was die Menschen nicht verstehen. Dass es nicht nur einen von uns geben kann. Was wäre denn die Welt ohne mich, ohne den Tod?“
„Kannst du denn trotzdem nicht ein wenig mehr Mitleid zeigen?“
Ein kehliges Lachen entrann dem Tod: „Ich soll mehr Mitleid zeigen? Bin ich nicht schon gnädig genug, wenn ich jemanden nach langer Krankheit erlöse? Oder wenn das Ende bei einem Unfall rasch und schnell kommt? Manchmal, wenn ich guter Dinge bin, warne ich die Menschen sogar. Doch viele wollen diese Warnungen nicht sehen. Sie wollen nicht wahrhaben, dass ich präsent bin und niemanden verschone, nicht die Reichen und Mächtigen, nicht die Guten, auch keine Kinder oder Greise. Und weißt du, was ich manchmal höre, wenn ich unerkannt auf der Erde zwischen ihnen wandele? Dass du auch nicht besser bist! Denn was ist schon ein rascher Tod, im Gegensatz zu einem Leben in elender Armut? Warum bist du nicht gnädiger zu ihnen? Schließlich liegen dir deine Kinder doch angeblich so am Herzen!“
„Hör auf mich zu verspotten, Tod!“
„Oder kann es sein, dass sie beginnen dich zu langweilen, mit ihren ewigen Bitten um Gesundheit, Geld, Kindersegen, ein Zeichen oder sogar ein Wunder? Bist du es nicht langsam leid ihnen zuzuhören?“
Gott sah ihn an und in seinen Augen begann es zu glänzen. „Du weißt ebenso gut wie ich, dass wir beide nicht ohne einander existieren können, genauso wenig wie die Menschen ohne uns. Sie würden nicht an Gott glauben, wenn sie den Tod nicht fürchteten. Wenn ich nicht neues Leben schaffen würde, könntest du keine Seelen mehr zu dir holen. Ist es nicht sowieso schon viel zu voll bei dir?“
Wütend richtete der Tod seine Sense auf sein Gegenüber. Gott lachte: „Willst du mir drohen? Willst du mich vielleicht sogar töten? Und dann? Was ist, wenn niemand mehr da ist, der neues Leben schafft? Deine Existenz wäre dann ziemlich langweilig, nicht wahr? Aber wahrscheinlich interessiert dich das nicht, denn du könntest ja dein eigenes Ende sein!“
Der Tod zögerte. Langsam ließ er die Sense wieder sinken.
Der Allmächtige seufzte: „Glaube nicht, dass es mir leicht fällt, auch nur eine Seele an dich zu verlieren. Ich kann neues Leben schaffen, doch der Vorrat der guten Seelen ist begrenzt. Und durch die Läuterung in deiner Hölle entsteigen die Seele befleckt und nur ein Bruchteil von ihnen kehrt als gute Seele zurück. In den letzten Jahrhunderten habe ich so viele an dich verloren, dass ich aufgehört habe sie zu zählen. Und mit jeder verlorenen Seele stirbt auch ein Stück von mir. Irgendwann wirst du siegen, Gevatter Tod. Dann wird kein einziger Mensch mehr auf Erden wandeln. Der Himmel wird sich verdunkeln und die Posaunen des Jüngsten Gerichtes werden erschallen. Doch niemand wird sie mehr hören. Nur du wirst einsam und verlassen auf dem einst blauen Planeten sein und dich umschauen. In deinem dunklen Reich werden sich die Seelen drängen. Ihr Geschrei, ihr Jammern und Klagen wird dich Tag und Nacht quälen, Jahre lang, Jahrhunderte, Jahrtausende lang, bis du es nicht mehr aushältst und du dir dein eigenes Ende herbeisehnst.“
Der Tod schwieg.
„Wie lange ist es bis dahin noch?“, fragte er schließlich.
Gott zuckte mit den Schultern: „Die Menschen sind voller Hass und Gier, Neid und Verdorbenheit. Es wird nicht mehr lange dauern, vielleicht ein paar Jahrhunderte, vielleicht auch nur ein paar Jahrzehnte.“
Dem Tod graute es vor dem Ende, das Gott ihm prophezeit hatte. Er warf einen kurzen Blick auf die Erde. „Und wenn ich dir ein paar Seelen zurückgebe?“
Gott nickte: „Gib mir tausend, und ich verspreche dir ebenso viele Jahre Aufschub!“
Der Tod stimmte zu. Dann wandte er sich mit wehendem Umhang um und ging.
Gott seufzte abermals. Er hatte den Tod mal wieder ausgetrickst. Aber tief in seinem Innern wusste er, dass es wirklich nur ein Aufschub war. Das Ende würde kommen, irgendwann. Für die Menschen, für ihn und selbst für den Tod.