Melanie Brosowski Autorin

Lonely Christmas - Eine "Star Trek"-Weihnachtsgeschichte


Mary Cartwright war die Letzte, die sich vom Planeten Rivas IV an Bord der Enterprise beamen ließ. Sie war voll bepackt mit Geschenken und wäre fast die Stufen der Transporterplattform hinuntergestolpert, wenn Scotty sie nicht rechtzeitig gestützt hätte.

"Danke, Scotty!"

Der Schotte grinste. "Ich hoffe, Sie haben eine gute Ausrede für Ihre Verspätung!" Cartwright blickte über den obersten Karton hinweg den Chefingenieur fragend an: "Spock?" − "Nein", entgegnete Scotty und verschränkte die Arme vor der Brust. "Der Captain!"

"Mist." Sie trat an Scott vorbei, machte zwei Schritte vorwärts − und stieß mit Spock zusammen. Der oberste Karton geriet ins Wanken und kippte schließlich um. Instinktiv versuchte Mary den Karton noch festzuhalten, aber es war bereits zu spät. Nicht nur, dass sie das fallende Geschenk nicht mehr auffangen konnte − sie hatte nunmehr auch alles andere fallen gelassen. Eine dunkelblaue Flüssigkeit ergoss sich über die Uniform des Vulkaniers. Der erste Offizier schloss die Augen und zog demonstrativ die Brauen hoch.

Inzwischen hatte sich der Inhalt der restlichen Karton auf dem Fußboden des Transporterraums verteilt. Auch ein großes Glas, das mit kleinen Kügelchen gefüllt war, war darunter gewesen. Natürlich hatte das Glas den Fall nicht überstanden und war in tausend Scherben zersprungen und die kleinen Kügelchen − es handelte sich übrigens um rigelanische Badeperlen für Uhura − lagen überall auf dem Boden.

"Tut mir Leid, ich..." Weiter kam sie nicht, da sich die Tür öffnete und Captain James T. Kirk den Raum betrat. Das heißt, er wollte es, rutschte aber auf den Badeperlen aus und landete unsanft auf dem Allerwertesten. Unwillkürlich nahm Cartwright Haltung an und versuchte sämtlichen Blicken auszuweichen.

"Lieutenant Cartwright!" Kirks Stimme verhieß nichts Gutes.
"Sir!"
"Was hat das Chaos hier zu bedeuten?"
"Das sind meine Weihnachtsgeschenke, Sir!"
"Ist das etwa auch der Grund für Ihre Verspätung?"
"Aye, Sir!"

Kirk blickte um sich. Im Transporterraum begann sich ein bestialischer Gestank zu verbreiten. Sulus Pflanzendünger, vermutete Mary. "In zehn Minuten will ich das Zeug hier nicht mehr sehen, haben Sie verstanden, Lieutenant?" − "Aye, Sir!"

Ohne ein weiteres Wort drehte sich der Captain daraufhin um und ging. Spock warf einen viel sagenden Blick auf das Chaos. "Ich denke, ich werde noch einmal den Dienstplan überarbeiten", sagte er dann und ging ebenfalls. Cartwright atmete erleichtert aus und lehnte sich gegen die Transporterkonsole. "Scotty, bitte beam mich wieder auf den Planeten, ja? Oder irgendwo anders hin. Meinetwegen auch nach Romulus, aber bloß weit weg von hier!" − "Ach..." Der Schotte legte ihr eine Hand auf die Schulter. "Kommen Sie, ich helfe Ihnen!"

"Verdammt!" Wütend warf Cartwright den leeren Karton in die Ecke. Zwei Stunden lang hatte sie versucht, von den Geschenken zu retten, was zu retten war. Jetzt schloss sie die Augen und ließ den Kopf an die Lehne des Sessels sinken. Aber die Schenkerei hatte sich ja sowieso mehr oder weniger erledigt. Spock hatte sie nach dem Vorfall nämlich dazu verdonnert, an den Weihnachtstagen Doppelschichten zu schieben. Die Weihnachtsfeier im Arboretum konnte sie also vergessen.

Langsam stand sie auf und replizierte sich eine Tasse heißen Kakao. In der Ecke ihres Quartiers stand eine Vase mit Tannenzweigen, an denen rote und blaue Kugeln hingen. McCoy hatte ihr das geschenkt, mit der Bemerkung, ihr Quartier sei kahler als dasjenige von Spock und außerdem fehle ein weihnachtliches Flair. Mary starrte auf rote Kugeln, in denen sich das Licht der Kerzen spiegelte. Auch ein kleiner Engel hing in den Zweigen. Cartwright kniete nieder und nahm ihn vorsichtig in die Hand. Die Figur hatte goldene Haare und zierliche, silberne Flügel.

"Störe ich?" McCoys sanfte Stimme schreckte sie aus ihren Gedanken. Beinahe hätte sie den Kakao verschüttet. "Nein, komm nur rein", antwortete Cartwright und sah wieder auf den Engel. Der Arzt hockte sich neben sie und kräuselte die Stirn: "Alles in Ordnung?"

"Ja."
"Jim hat mir erzählt, was vorhin passiert ist. Ich werde ein gutes Wort für dich einlegen."
"Lass gut sein, Len. Es gibt Schlimmeres als an Weihnachten zu arbeiten."
"So? Was denn?"

Stille füllte einige Minuten den Raum. Cartwright blickte wieder auf die rote Kugel. Sie nahm sie ab und drehte sie langsam in ihrer Hand. Kerzenlicht spiegelte sich auf der Oberfläche, erschien wie Flammen, die alles verbrannten. Ein Kälteschauer überlief Mary und es kam ihr vor, als läge Brandgeruch in der Luft und der Gestank nach Verwesung.

"Wenn man zum Beispiel am Heiligen Abend nicht genug zu essen hat, um satt zu werden. Wenn man friert und gerade irgendwo in einem Loch Freunde begraben musste. Wenn man nicht weiß, ob man je wieder nach Hause kommt, zu seiner Familie, zu seinen Freunden. Wenn man nicht einmal weiß, ob man den nächsten Tag überlebt. Wenn man..." Die Stimme versagte ihr und Tränen rannen über ihre Wangen. Unbewusst schloss sie die Hand und die Christbaumkugel zerbrach.

"Vorsicht!" Doch es war bereits zu spät. Blut tropfte auf den Boden. McCoy nahm eine Serviette und drückte sie auf die Schnittwunden. "Es tut mir Leid, ich wollte keine Erinnerungen an Q'onoS wecken! Lass uns auf die Krankenstation gehen." Aber die junge Frau reagierte nicht. "Es war kalt in den Mienen und feucht. Uns knurrten die Mägen. Drei Männer mussten wir begraben, in einem lausigen Erdloch. Chuck, Gary und Han'kol. Es gab keinen Grabstein, nicht mal eine Trauerrede. Wir haben sie verscharren müssen, wie irgendwelche Tiere. Die Suppe abends war lauwarm und irgendjemand fing plötzlich an, 'Stille Nacht, heilige Nacht' zu singen. Es war so irreal, so aberwitzig. Alle sangen, und keiner wusste, ob er je wieder nach Hause kommen würde, ob er irgendwann noch ein Weihnachten feiern würde."

McCoy schloss die Augen. Einen Moment später fasste er Cartwright an den Schultern. "Es ist vorbei! Denk nicht mehr dran." − "Nein." Sie schüttelte den Kopf. "Das Arbeitslager ist immer präsent, Lennard. Ob ich schlafe oder wach bin. Die Erinnerungen sind ein Teil von mir!" Sie blickte auf ihre Hand und lächelte leicht. "Du hast Recht, lass uns lieber in die Krankenstation gehen, sonst saue ich hier noch den ganzen Fußboden ein!"

Es war Lieutenant Cartwright ein Rätsel, wie McCoy es geschafft hatte, Spock dazu zu bewegen, ihr für die Feiertage freizugeben. Auf jeden Fall war sie jetzt mit den anderen Crewmitgliedern im Arboretum, in dem ein riesiger Weihnachtsbaum aufgestellt war, der bis unter die Decke reichte und mit bunten Kugeln, ja sogar mit Lametta geschmückt war. Die Geschenke waren längst verteilt und nun sangen alle zusammen "Leise rieselt der Schnee". Plötzlich glaubte Kirk seinen Augen nicht zu trauen. Etwas Weißes rieselte von der Decke − Schnee. Scotty hatte mal wieder eines seiner berühmten Wunder vollbracht.

"Ich glaube, ich habe etwas vergessen." Spock trat an Cartwright heran und reichte ihr ein kleines Päckchen. "Danke!" Mary packte es vorsichtig aus. McCoy trat neben die junge Frau und blickte ihr über die Schulter. Zum Vorschein kam eine Porzellanfigur, die Kirk als einen Schutzengel identifizierte. Der Arzt warf Spock einen fragenden Blick zu und der Vulkanier nickte leicht. Cartwright sah auf den Engel in ihren Händen und dann zu einem Zweig der Tanne, auf dem der Schnee glitzerte. McCoy legte ihr eine Hand auf die Schulter.

"An was denkst du?"
"An all die Freunde, die ich auf Q'onoS zurückgelassen habe. Sie alle hätten einen Schutzengel brauchen können. Ich bin heute hier, und sie nicht."
"Dafür solltest du dankbar sein!"
"Das bin ich auch, Len. Das bin ich."