Melanie Brosowski Autorin

"Der Himmel ist eigentlich eine Diktatur"

Andreas Izquierdo über sein neustes Werk "Apocalypsia"

In unserer September-Ausgabe stellten wir Ihnen das Buch "Apocalypsia" vor. Heute haben wir die Ehre und Freude, Ihnen ein Interview mit dem Autor dieses Werkes präsentieren zu dürfen.

TZN: Wer ist Andreas Izquierdo?

Andreas Izquierdo: Ich bin hauptberuflich Drehbuchautor und schreibe Belletristik, wäre aber lieber hauptberuflich Belletristik-Autor und würde nebenher noch Drehbücher machen.

TZN: Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?

Izquierdo: Eher zufällig. Ich dachte, ich würde Journalist, aber richtig gefallen hat mir das nicht. Eines Tages sagte mein Nachbar zu mir: Du kommst doch aus der Eifel. Schreib doch mal was über 'ne tote Sau! Und ich dachte: Gute Idee. So entstand mein erster Krimi: "Der Saumord".

TZN: Sie leben als freier Autor in Köln. Warum ausgerechnet Köln? Und kann man vom Schreiben heutzutage wirklich leben?

Izquierdo: Köln, weil es in der Nähe meines Heimatdorfes liegt, weil ich mir keine andere Stadt vorstellen kann, in der ich lebe, und weil ich hier nahe am Fernsehen bin. Und leben vom Schreiben kann man nur als Drehbuchautor. Oder ich schreibe einen Bestseller. Aber das wollen die anderen 100.000, die jedes Jahr auf den Markt kommen, auch.
 

TZN: Ihr aktuelles Buch ist "Apocalypsia". Mögen Sie unseren Lesern beschreiben, worum es geht?

Izquierdo: Ich habe mich gefragt, was eigentlich passieren würde, wenn Gott stirbt. Was passiert mit uns? Und vor allem: mit den Engeln. Sein Thron müsste neu besetzt werden, aber wer sollte das sein? Ein toller Thrillerstoff, denn darum gehts: Wer wird der neue Herrscher der Schöpfung? Und was ist jemand bereit dafür zu tun?

TZN: Gott liegt im Sterben, die Engel bekriegen sich gegenseitig... Das ist weitab des derzeitigen Vampirhypes, und eigentlich kennt man Engel auch eher als gütige, sanfte Wesen. Wie sind Sie auf dieses Thema gekommen?

Izquierdo: Ich habe vor Jahren mal eine Hierarchie der Engel gesehen − von Dionysius Aeropagitas. Da sind die Engel in neun Stufen unterteilt, was ich erstaunlich fand, denn ich selbst dachte, es gäbe nur Engel und Erzengel.

Die sind in diesem Diagramm die untersten Stufen. Das alles machte einen fast militärischen Eindruck, sodass mir das erste Mal klar wurde: Der Himmel ist eigentlich eine Diktatur.

TZN: Wie haben Sie für dieses Thema recherchiert und vor allem wie lange haben Sie an diesem doch umfangreichen Buch geschrieben?

Izquierdo: Ich habe viel über Engel gelesen, habe beim Lesen schon darauf geachtet, wer für mich eine handlungstragende Figur werden kann und wie er durch seine Vita auf die Geschichte einwirken kann. Geschrieben habe ich 1 und 1/2 Jahre.

TZN: Gab es Menschen, die gesagt haben "Andreas, das ist ein zu empfindliches Thema, das kannst du so nicht schreiben"?

Izquierdo: Nein, die meisten, eigentlich alle, waren von der Idee begeistert. Niemand hat sich darüber beschwert − bis heute nicht.

TZN: War es schwer, dafür einen Verlag zu finden?

Izquierdo: Ich hatte mit Rotbuch ja schon einen.
 

TZN: Bei Lovelybooks steht das Buch ja seit dem Erscheinen für die Leser zur Diskussion. Wie waren die Reaktionen auf Ihr Werk?

Izquierdo: Sehr positiv. Das hat mich sehr berührt, denn ich hatte das Gefühl, dass es viele geben könnte, die sich an der alttestamentarischen Härte des Buches stören könnten. Die Gewalt ist jedoch nur als Kollateralschaden einer wuchtigen Geschichte wahrgenommen worden. Die LeserInnen haben sich fast ausschließlich mit den Figuren auseinander gesetzt, haben sich mit ihnen identifiziert, sind ihnen gefolgt. Das war einfach nur toll.

TZN: Gab es einen Kritikpunkt, der Sie besonders getroffen hat?

Izquierdo: Nein, es gab nur eine Reaktion, die ich nicht verstanden habe: Eine Leserin vermerkte mehrmals, dass sie sich beim Lesen nichts vorstellen kann, Schwierigkeiten mit dem Genre hätte und irgendwie nichts versteht. So weit, so traurig, denn da kann man nicht helfen.

Dann verschwand sie aus dem Forum und ein paar Tage später bekam ich die mieseste Bewertung. Ich verstehe, wenn jemand schlecht bewertet und dies begründet. Das ist okay. Aber nichts zu verstehen, bedeutet auch: Es gibt nichts zu bewerten. Trotzdem zu werten ist einfach ungerecht. Das hat mich nicht getroffen, aber sauer macht es schon.

TZN: Wie wichtig ist es für Sie, bereits vor Veröffentlichung Kritik zu bekommen?

Izquierdo: Sehr. Schreiben ist ein sehr komplexer Vorgang, da ist man froh, wenn jemand gute Tipps bereit hält. Jede Form von konstruktiver Kritik ist hilfreich, was nicht heißt, dass man alles übernimmt, aber es hilft einzuschätzen, ob man noch verständlich ist oder ob es vielleicht noch einen besseren Weg gibt.

TZN: Oder ist Ihr Lektor der Erste, der Ihr Werk zu Gesicht bekommt?

Izquierdo: Nein, es lesen eigentlich immer welche mit.

TZN: Sie können ja nun auf eine ganze Reihe von Veröffentlichungen zurückblicken, historische Romane, Kriminalromane, Kurzgeschichten, Drehbücher... Einige von Ihren Werken wurden sogar ausgezeichnet. Warum beschränken Sie sich nicht auf ein Genre?

Izquierdo: Das sagt mir mein Agent auch immer. Mein Leben wäre leichter und ein großer Erfolg wahrscheinlicher. Aber ich kann in gewisser Weise nichts dafür: Eine Geschichte findet mich. Und ich spüre, dass ich sie machen muss. Die Belletristik ist ohnehin schon so eingeschränkt: Historisch (gerne mit Hebamme im Mittelalter), Dick-lit (lustige Männerthemen), Chick-lit (lustige Frauenthemen), Fantasy (gerne Vampire), Krimi/Thriller. Viel mehr gibts nicht.

TZN: Sie sind Mitglied der Krimi-Autorenvereinigung Syndikat. Können Sie unseren Lesern etwas Näheres über diese Gruppe und Ihre Arbeit darin erzählen?

Izquierdo: Das Syndikat ist der Zusammenschluss von über 600 Krimi-Autoren aus Deutschland, Schweiz und Österreich. Darunter auch so Prominente wie Ingrid Noll, Frank Schätzing oder Sebastian Fitzek. Wir treffen uns einmal im Jahr zur Criminale, dem größten deutschsprachigen Krimifestival. Mehr Infos gibt es unter www.das-syndikat.com oder www.die-criminale.de.

TZN: Woran arbeiten Sie gerade?

Izquierdo: Drehbücher, again.

TZN: Einige abschließende Worte?

Izquierdo: Mögen die Engel mit euch sein − aber besser nicht meine!

TZN: Vielen Dank für das Interview!
 

Weiterführende Links

 

Incoming Message Ausgabe 97 (#150) November 2010