Melanie Brosowski Autorin

2. Interview mit Holger Weinbach

"Jede Figur ist ein Teil von mir"

"Irrgwege": Teil 2 der "Eiswolf"-Saga

Bereits in der "Incoming Message"-Ausgabe 89 (#142) stellten wir Ihnen den "Star Wars"- und Science-Fiction-Fan sowie Autor Holger Weinbach und seinen Debütroman "Die Eiswolf-Saga, Teil 1: Brudermord" vor. Am 30. November erschien der zweite Band der Reihe.

Der junge Grafensohn Rogar verliert durch eine Intrige seine Familie. Ohne Erinnerung an die Geschehnisse jener Blutnacht, ja selbst ohne Wissen seines Namens und seiner Herkunft, findet er Zuflucht in einer Abtei und wächst dort heran. Der Abt Degenar ahnt, wen er da unter seinen persönlichen Schutz stellt, doch kann er nicht verhindern, dass Faolán, so sein jetziger Name, sich in die junge Svea verliebt. Als sie zusammen entdeckt werden, schickt man Faolán gemeinsam mit dem Novizen Konrad in das Columbankloster in die Verbannung.

Mit strengen Regeln und körperlichen Strafen versucht man die beiden Jungen zu brechen. Nach anfänglichem Widerstand scheinen sich die beiden zu fügen. Doch in Wahrheit versuchen sie das Vertrauen des pädophilen Bruders Clemenza zu gewinnen. Schließlich gelingt ihnen durch seine unfreiwillige Hilfe die Flucht. Doch sie währt nicht lange, denn jemand scheint von ihren Plänen gewusst zu haben − das Brot, das ihnen als Verpflegung dienen sollte, ist vergiftet. Währenddessen sucht Brandolf, ein Getreuer Farolds, Faoláns Vater, immer noch nach Rogar. Als sich ihm Graf Rurik, der Bruder Farolds, in den Weg stellt, kommt es zu einem folgenschweren Ereignis.

Kurze Zeit später geraten Konrad und Faolán, die den feigen Mordanschlag überlebt haben, in einer kleinen Stadt in ziemliche Bedrängnis. Sie werden von Brandolf in letzter Sekunde gerettet und sein Verdacht bestätigt sich nach einem Besuch bei Bruder Degenar. Dieser jedoch warnt ihn, Faolán von seiner wahren Identität zu erzählen, denn er hält den Jungen noch nicht für bereit genug, um seine Ansprüche gegen Rurik und dessen Sohn Drogo durchzusetzen. Gleichzeitig droht eine neue Gefahr. Gerade als Faolán seine geliebte Svea wiedergefunden zu haben glaubt, verliert er sie erneut. Und die Wölfe des Nordens treten in sein Leben ...

Kurzkritik

Nach einer etwas langatmigen ersten Hälfte des Buches wird es ab Seite 165 spannend und rasant. Ab hier überschlagen sich fast die Ereignisse und das offene Ende lässt einen nach dem dritten Teil der Saga fiebern. Um der Geschichte trotz des sehr guten Namensregisters folgen zu können, sollte man den ersten Teil "Brudermord" gelesen haben. Alle Charaktere erfahren in "Irrwege" eine nachvollziehbare, spannende Entwicklung und besonders Drogo schreitet auf seinem vor Blut triefenden Weg voran. Die "Wölfe des Norden" sind ein erfrischend neuer Part der Saga − doch ganz klar wird ihre Rolle in diesem Band noch nicht. Dennoch hinterlassen sie einen bleibenden Eindruck und es bleibt abzuwarten, inwieweit sie Rogars Schicksal beeinflussen.

Netterweise stand uns wieder der Autor, Holger Weinbach, für ein kurzes Interview Verfügung.

TZN: Holger, wie hoch war diesmal der Rechercheaufwand?

Holger Weinbach: Zum Teil habe ich mich beim zweiten Band auf gewohntem Terrain bewegt, was die Recherche reduziert hat. Andererseits findet die Handlung auf neuen Schauplätzen statt, die ich erst noch ergründen musste. Beispielsweise musste ich über das Columbankloster sehr genaue Angaben haben, um sicher zu gehen, dass sich die Begebenheiten dort auch so hätten zutragen können. Oder der Handlungsstrang um Bjoren Langarm, dem Jarls der Wikingersiedlung Birka. Ein Ort, den ich 2008 in Schweden aufgesucht habe, um Eindrücke zu sammeln. In diese ganz andere Kultur "einzusteigen" ist schon sehr aufwändig.

Ich habe es für alle Bereiche vorgezogen, meine Recherchen noch einmal gegenprüfen zu lassen. Einen Historiker im Hintergrund verschaffte mir diese Gewissheit. Aber auch Menschen, die sich mit verschiedenen Themen beschäftigen, beispielsweise dem Schwertkampf, habe ich zu Rate gezogen. Nur so konnte ich sichergehen, dass Konrads Prüfung auf Brandolfs Burg authentisch wirkt.

TZN: Wie lange hast du für den zweiten Band gebraucht?

Weinbach: Das ist nicht einfach zu beantworten. Ursprünglich waren Band 1 und Band 2 als ein Buch geplant. Der Verlag hat es aus verschiedenen Gründen allerdings aufgeteilt. Diese Tatsache störte mich anfangs, stellte sich mit der Zeit jedoch als sehr hilfreich heraus, denn so konnte ich einigen Figuren mehr Tiefe geben und noch das ein oder andere Kapitel einfügen. Nach der Veröffentlichung des ersten Bandes lag der zweite Band schon zu etwa zwei Dritteln vor. Dennoch hat dieses Buch, mit allen Überarbeitungen, noch etwa neun weitere Monate in Anspruch genommen.

TZN: Fiel dir das Schreiben diesmal leichter?

Weinbach: In der Tat fiel es mir etwas leichter. Meinen Stil für diese Reihe hatte ich mit dem ersten Band ja gefunden. Das war nicht ganz einfach und auch zeitaufwändig, denn es gab einige Überarbeitungsphasen. Und doch war es beim zweiten Band eine neue Herausforderung, die Wikinger zu beschreiben und vor allem sprechen zu lassen. Für sie wollte ich eine andere wörtliche Rede verwenden, eine bildhafte Sprache. Das fiel mir zu Anfang nicht leicht und ich weiß noch nicht, wie mir das im dritten Band gelingt. Mal sehen ...

TZN: Was hast du aus dem Schreiben und Veröffentlichen des ersten Buches gelernt?

Weinbach: Für das Schreiben sicherlich ein gewisses Maß an Routine. Für die Veröffentlichung, dass sich der Termin schnell nach hinten verschieben kann. So war es für mich auch keine Überraschung, dass ich für die Überarbeitungen länger benötigte, als dem Verlag vielleicht lieb war. Doch genau dieses Privileg nehme ich mir als Autor raus, um sicherzugehen, dass ich das mir Mögliche für die Leser auch umsetze. Aus Zeitgründen sollte sich keine Schlamperei einschleichen. Dass Band 2 später erschienen ist als vom Verlag anfangs angekündigt, lag also ganz in meiner Verantwortung.
 

Zudem habe ich gelernt, dass man sich nach der Veröffentlichung nicht erst mal zurücklehnen und durchatmen kann. Dann beginnt nämlich die Phase, das Buch bekannt zu machen. Das kostet noch einmal enorm viel Zeit.

TZN: Sind die Figuren mittlerweile Teil deines Lebens oder trennst du streng zwischen Schreiben, Familie und Beruf?

Weinbach: Ich liebe sie alle, die Figuren der "Eiswolf"-Saga, doch sie sind nur dann Teil meines Lebens, wenn ich über sie schreibe oder darüber nachdenke, wie es mit ihnen weitergehen könnte. Sie agieren dann zwar selbstständig in meinem Kopf, doch wenn Familie und Brotberuf anstehen, dann sind sie auch wieder aus meinen Gedanken verschwunden. Diesbezüglich trenne ich also sehr streng. Dennoch ist auch jede Figur ein Teil von mir und sie spiegeln wiederum einen Teil von mir. Da stellt sich natürlich die Frage, wie genau kann man da noch trennen ...?

TZN: Mit dem pädophilen Bruder Clemenza hast du ein Thema eingebracht, das heute sehr aktuell ist. Warum − und war es damals auch schon so?

Weinbach: Die Idee um einen pädophilen Mönch und die dadurch gelingende Flucht hatte ich schon vor einigen Jahren entwickelt. Ein Historiker äußerte Anfang 2010 Bedenken, dass sich dies so hätte zutragen können und argumentierte, dass es damals schon das Zölibat gab und das Klosterleben wesentlich strenger gewesen war. Ich dachte ernsthaft darüber nach, diesen Teil der Handlung "umzustricken" und Clemenza eine andere "Schwäche" anzudichten. Kurz darauf erschien eine Schlagzeile nach der anderen in der Presse, die genau dieses Thema beinhaltete.

Das war eine Art Bestätigung, Clemenza zu belassen, wie er noch im Manuskript stand. Weshalb sollte es damals in einem entlegenen Kloster anders gewesen sein als heute? Von vielen historisch belegten, ja sogar bedeutenden Figuren ist bekannt, dass sie pädophile Neigungen hatten und diese auch auslebten. Clemenza zählt zu den Unbekannten jener Zeit, doch ich bin überzeugt, dass er authentisch ist.

TZN: Und wie verkauft sich der zweite Band?

Weinbach: Der Erscheinungstermin kurz vor Weihnachten war zwar sehr knapp, hat aber dennoch für einen guten Verkaufsstart gesorgt. Überraschend war allerdings, dass "Brudermord" im Verkauf mit "Irrwege" mithielt, sich zeitweise sogar noch besser verkaufte als sein Nachfolger. Wichtig ist jetzt allerdings, dass auch nach diesem guten Start die Zahlen konstant bleiben, und momentan sieht es auch danach aus. Ich bin aber noch weit davon entfernt, davon leben zu können.

TZN: Wie weit ist der dritte und letzte (?) Teil der Saga?

Weinbach: Der dritte Teil wird nicht der letzte sein. Die Saga ist momentan auf sechs Bände ausgelegt und mehr sollten es auch nicht werden. Doch der dritte Band schlummert momentan noch im Dornröschenschlaf. Noch hatte ich keine Zeit, ihn wach zu küssen. Einige Kapitel sind zwar schon verfasst, doch diese müssten vor dem weiteren Schreiben dringend überarbeitet werden. Zudem muss ich noch einen weiteren Handlungsstrang ausarbeiten und ihn mit dem übrigen Geschehen logisch verweben. Da ich dies schon vorausschauend bis zum sechsten Band gestalten muss, sollte das in aller Ruhe und mit viel Muße geschehen.

TZN: Noch einige abschließende Worte?

Weinbach: An dieser Stelle möchte ich all meinen Lesern danken, die aufgrund ihrer Empfehlungen und Rezensionen die Geschichte um Faolán und Svea weitertragen. Nur durch sie erfahren viele andere Leser überhaupt erst von der "Eiswolf"-Saga, denn die Werbemittel eines kleinen Verlages sind begrenzt. Daher verneige ich mich vor meinem lesenden Publikum und wünsche ihnen auch weiterhin viel Spaß mit der Saga.

TZN: Vielen Dank für das Interview.

Weinbach: Es war mir eine Freude.

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